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Anlageberatung

Welche Auswirkungen hat "Robo-Advice" auf das Vermögensmanagement?

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31.01.2017
Autor: Steffen Zwink

Anlageberatung auf der Grundlage von Computeralgorithmen – auch als „Robo-Advice“ bezeichnet – hat das Vermögensmanagement von Grund auf revolutioniert. Das Volumen der auf diese Weise verwalteten Gelder ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Diese finanztechnologische Revolution ist aber nicht unbedingt eine Gefahr für bestehende, auf menschlicher Beratung basierende Geschäftsmodelle in der Vermögensverwaltung. Vielmehr könnten „Robo-Advisors“ das Beratungsmodell auf lange Sicht ergänzen. Da Kunden zunehmend erwarten, dass ihnen umfassende digitale Lösungen angeboten werden, sollten Vermögensverwalter die möglichen Auswirkungen dieser und anderer Technologien und die entsprechenden langfristigen strategischen Implikationen erwägen und ihren Kundenservice entsprechend ausgestalten. Die Anbieter sollten sich zudem darüber klar werden, dass eine erfolgreiche Technologiestrategie auch eine gründliche Due Diligence erfordert.

Hintergrund


Seit Jahrzehnten versuchen Anbieter, Lösungen von der Stange zu entwickeln, die besser an den Bedarf einzelner Anleger angepasst werden können. Ausgehend von den frühen Mischfonds und Fonds mit einer Risikovorgabe bis hin zu Laufzeitfonds haben die Produktentwickler ihre Standardlösungen immer weiter verfeinert und an den wachsenden Markt von Privatanlegern angepasst. Effizienzsteigerungen und bessere Nutzerschnittstellen haben im vergangenen Jahrzehnt zum nächsten Schritt auf dem Weg hin zu automatisierten Anlagelösungen geführt: Massgeschneiderte Portfolios, die auf den jeweiligen Risiko- und Ertragszielen der einzelnen Kunden basieren, sollen für den Massenmarkt tauglich gemacht werden. Für diese automatisierten Beratungsmodelle hat sich der Begriff „Robo-Advisors“ eingebürgert.

Start-Up-Unternehmen im Robo-Advisory-Sektor wie Betterment, Wealthfront und ihresgleichen haben das Volumen der von ihnen verwalteten Vermögenswerte innerhalb weniger Jahre deutlich ausbauen können. Ihre Technologieplattformen haben es ihnen ermöglicht, Portfoliolösungen zu einem attraktiven Preis und unter minimaler menschlicher Beteiligung besser auf Kunden abzustimmen. Und da es zunehmend beliebter wird, Finanzdienstleistungen über das Internet zu beziehen, konnten sich diese Unternehmen durch ausgeprägtes Marketing einen Vorsprung verschaffen.

Die Pioniere im auf Privatkunden ausgerichteten Robo-Advisory-Geschäft konnten sich innerhalb kürzester Zeit ein beträchtliches Geschäftsvolumen sichern, und daher interessieren sich nunmehr auch andere, besser etablierte Unternehmen für den Robo-Advisory-Markt. Insgesamt verwaltete die Robo-Advisory-Industrie im April 2016 laut einem Artikel der New York Times Vermögenswerte im Volumen von rund 53 Mrd. US-Dollar. Dies ist zwar nur ein Bruchteil des gesamten von Vermögensverwaltern gemanagten Volumens (30 Bill. US-Dollar), aber das Robo-Advisory-Geschäft wächst in geradezu halsbrecherischem Tempo. Prognosen zufolge wird das Volumen der bei Robo-Advisors investierten Vermögenswerte in den kommenden Jahren weiter zunehmen.

Inzwischen werden rund 53 Mrd. US-Dollar von Robo-Advisory-Unternehmen verwaltet

Robo-Advice: Was ist das überhaupt?


Robo-Advice lässt sich ganz einfach als digitale Vermögensberatung beschreiben: Internetbasierte Plattformen nutzen das Internet und Computermodelle, um Kunden massgeschneiderte Anlageallokationen anzubieten. Zahlreiche Vermögensberater nutzen die Automatisierung bereits intensiv beim Management von Kundenmandaten, z. B. zur Portfoliokonstruktion und zur automatischen Rebalancierung. Robo-Advisory-Plattformen bieten vergleichbare Dienstleistungen aber schneller und mit geringerer menschlicher Beteiligung an. Diese von Menschen entwickelten Computerprogramme können das Verhalten von Anlegern nachvollziehen und auf dieser Grundlage persönliche Anlagelösungen in Echtzeit anbieten.

Ein Konto bei einem Robo-Advisory-Unternehmen ist schnell und einfach eröffnet. In der Regel müssen die Anleger zunächst einen kurzen Online-Fragebogen zu ihrem Anlagevolumen, ihrer Risikobereitschaft und ihren Zielen ausfüllen. Diese Fragebogen sind in der Regel stark vereinfacht, tragen aber gerade dadurch zu einem leichten Registrierungsverfahren für die Anleger bei. Es geht zumeist darum, rasch nützliche Ratschläge geben zu können. Die digitale Plattform verarbeitet die Antworten aus dem Fragebogen und stuft den Anleger mit Hilfe von Computermodellen in eine spezifische Risikokategorie mit einer bestimmten Asset-Allokation ein. In der Folge passt die Plattform das Portfolio automatisch an die geeignete Asset-Allokation an. Auf Wunsch können weitere Services wie z. B. eine steuerliche Optimierung oder regelmässige Berichterstattung erbracht werden. Das Verfahren wird häufig dafür kritisiert, dass die Fragebögen zu stark vereinfacht und nicht umfangreich genug seien, um das Anlegerprofil vollständig zu erfassen. Den Robo-Advisors gehe es eher darum, das Volumen des verwalteten Vermögens zu erhöhen und das Verfahren einfach und schnell zu gestalten.

Grundlegende Neuerung oder bewahrende Effekte
 

Robo-Advisors konnten sich mit Hilfe der raschen Technologieentwicklung anpassen

Robo-Advisors haben nach ihrem Markteintritt erfolgreich Marktanteile gewonnen. Bisher waren diese Unternehmen erfolgreich, weil sie sich dank der raschen technologischen Entwicklung schnell anpassen und den bisherigen Markt umwälzen konnten.

Neue Technologien brechen vorhandene Strukturen auf. Innovation kann aber auf Dauer auch bewahrend wirken, wenn ein Markt durch sie an Effizienz gewinnt, wenn Verbesserungen eingeführt werden und wenn Wettbewerber die neuen Ansätze nachahmen, um mithalten zu können. Charles Schwab hat das verwaltete Vermögen nach der Gründung von Schwab Intelligent Portfolios im Jahr 2015 rasch gesteigert; auch Vanguard hat sich mit Vanguard Personal Advisor Services im April 2015 auf den Robo-Advisory-Markt gewagt und sich bis Ende 2015 zum grössten Anbieter – gemessen am verwalteten Vermögen – entwickelt. Mehrere andere grosse Unternehmen haben sich ebenfalls in diesem Markt platziert, darunter BlackRock, das im Jahr 2015 FutureAdvisor übernahm, und Invesco, das im Januar 2016 Jemstep erwarb. Fidelity betrat den Robo-Advisory-Markt im Rahmen einer Partnerschaft mit Betterment, so dass es seinen Kunden eine Robo-Lösung anbieten konnte. Vor kurzem beschloss Fidelity, eine eigene Robo-Advisor-Plattform zu entwickeln.

Faktoren, die für kräftiges Wachstum sprechen


Das Wachstum der Robo-Advisory-Unternehmen ist vor allem auf drei Faktoren zurückzuführen: 1) die niedrigen Kosten, 2) den umfangreicheren Markt und 3) die wachsende Akzeptanz von Technologie im Alltag.

Entwicklung der AuM bei 11 führenden Robo-Advisors (Mrd. US-Dollar)


Allgemein sind die langfristigen Betriebskosten bei digitalen Plattformen niedriger als bei traditionellen Modellen, weshalb auch die Gebühren geringer ausfallen können. Dies zeigt sich bereits heute bei Robo-Advisory-Unternehmen. Zahlreiche Robo-Advisors haben allerdings auch absichtlich unrentabel niedrige Gebührenstrukturen eingeführt, um das verwaltete Vermögen zu steigern und/oder Marktanteile zu gewinnen.
Robo-Advisory-Unternehmen wenden sich an einen bisher nicht genutzten Markt: den Massenmarkt. Grob gesagt gehören dazu Anleger, die bisher keine Anlageberatung erhalten haben – sei es, weil dies als zu teuer galt oder weil ihre finanziellen Bedürfnisse nicht so komplex waren.


Durch Robo-Advisors wurde der Beratungsmarkt grösser und umfasst jetzt weite Teile der Anleger, die bisher keine Vermögensberatung erhielten. Dazu gehören über 100 Millionen US-Haushalte (vgl. obige Tabelle). Bisher hat es sich für Vermögensverwalter mit traditionellen Beratungsmodellen in der Regel finanziell nicht gelohnt, dieses Marktsegment zu betreuen.

Zahlreiche Beobachter glauben, Robo-Advisory-Unternehmen seien nur etwas für kleine Anleger aus den Millennials-Jahrgängen, da die Plattformen preiswerter seien und stark auf Technologie setzen. Tatsächlich aber nutzen immer mehr Menschen die neuesten Technologien, so dass auch Robo-Advisors für immer breitere Schichten attraktiv werden. Bei Betterment stammen z. B. rund 30% der verwalteten Vermögenswerte von Kunden, die 50 Jahre oder älter sind, und weniger als 30% von den Millennials-Jahrgängen. Jüngsten Meldungen zufolge ist das durchschnittliche Volumen der Kundenmandate bei einigen Robo-Advisors auch sehr viel grösser als es bei Anlegern aus den Millennials-Jahrgängen zu erwarten wäre. Einem Artikel von Financial Advisor IQ zufolge sind über die Hälfte der Portfolios bei Betterment mehr als 100.000 US-Dollar wert, und bei Wealthfronts wurden ein Drittel der Vermögenswerte in Mandate investiert, für die eine Mindestanlage von 100.000 US-Dollar erforderlich ist.

Die DOL-Vorschriften dienen Beratern gegebenenfalls als Anreiz, einfache und preiswerte Anlagemöglichkeiten anzubieten

Angesichts des raschen Wachstums von Robo-Advisory-Unternehmen stellen manche Beobachter bereits die Frage, ob menschliche Berater eventuell durch Robo-Advisors ersetzt werden. Die Entwicklung und/oder der Erwerb eines Robo-Advisory-Unternehmens haben sich zu einer attraktiven Lösung für traditionelle Unternehmen entwickelt, die mehr Vermögenswerte über digitale Plattformen einsammeln wollen. Gerade deshalb wird die Technologie allerdings nicht an die Stelle menschlicher Berater treten. Persönliche Kontakte werden bei der Vermögensverwaltung nach wie vor eine Rolle spielen. Computermodelle können zwar mit Hilfe eines Fragebogens die „richtige“ Lösung ermitteln, sind aber noch nicht so weit entwickelt, dass sie Körpersprache entschlüsseln können, bei der Prioritätensetzung von unterschiedlichen Zielen helfen oder andere Aspekte zur Sprache bringen können, aufgrund derer sich die optimale Anlageallokation ändern kann. Insbesondere dann, wenn die Situation der Kunden komplex ist, muss in der Regel ein persönliches Gespräch geführt werden, um weitere Details zu erfahren und die Anlageziele genau zu verstehen. Dafür kommt es auf die Feinheiten an, die nur im persönlichen Kontakt ausgesprochen werden.

Hybrider Ansatz


Angesichts des raschen Wachstums von Robo-Advisor-Unternehmen stellen manche Beobachter bereits die Frage, ob menschliche Berater eventuell durch Robo-Advisors ersetzt werden. Die Entwicklung und/oder der Erwerb eines Robo-Advisor-Unternehmens haben sich zu einer attraktiven Lösung für traditionelle Unternehmen entwickelt, die mehr Vermögenswerte über digitale Plattformen einsammeln wollen. Gerade deshalb allerdings sind wir der Auffassung, dass die Technologie nicht an die Stelle menschlicher Berater treten wird; persönliche Kontakte werden bei der Vermögensverwaltung nach wie vor eine Rolle spielen. Computermodelle können zwar mit Hilfe eines Fragebogens die „richtige“ Lösung ermitteln, sind aber noch nicht so weit entwickelt, dass sie Körpersprache entschlüsseln können, bei der Prioritätensetzung von unterschiedlichen Zielen helfen oder andere Aspekte zur Sprache bringen können, aufgrund derer sich die optimale Anlageallokation ändern kann. Insbesondere dann, wenn die Situation der Kunden komplex ist, muss in der Regel ein persönliches Gespräch geführt werden, um weitere Details zu erfahren und die Anlageziele genau zu verstehen. Dafür kommt es auf die Feinheiten an, die nur im persönlichen Kontakt ausgesprochen werden.


Es lohnt sich für Vermögensverwalter, zu prüfen, wie und ob ein Robo-Advisory-Unternehmen in ihr Geschäftsmodell passt. Voraussichtlich werden die meisten Unternehmen einen gewissen Grad an Robo-Advice (oder automatisierter Finanzberatung) einführen. Durch Anwendung eines hybriden Ansatzes kann Robo-Advice potenziell das traditionelle Beratungsmodell ergänzen und den Beratern mehr Zeit und Ressourcen für den Ausbau des Kundenstamms und die Steigerung der Rentabilität verschaffen. Folgende Punkte sollten die Unternehmen bei der Neuausrichtung ihres Geschäftsmodells beachten:

  1. Wie wichtig ist der Zugang zum Massenmarkt für ihre Geschäftsstrategie?
  2. Versteht das Unternehmen, inwieweit die neueste Technologie für seine Kundenbasis von Bedeutung ist oder sein wird?
  3. Sind die Kunden des Unternehmens an der neuesten Technologie interessiert?
  4. Will sich das Unternehmen als preiswerter und leicht zugänglicher Anbieter oder als Anbieter von massgeschneiderten Anlagelösungen mit hohen Zugangsbarrieren etablieren? Oder möchte das Unternehmen diese beiden unterschiedlichen Services je nach Präferenzen und Bedürfnissen der Kunden erbringen?
  5. Ist eine Robo-Advisory-Lösung für weniger wohlhabende Kunden des Unternehmens und/oder zukünftige Kunden, die sich noch kein nennenswertes Vermögen erarbeitet haben, geeignet?

Due Diligence


Wenn sich ein Anbieter dafür entschieden hat, Robo-Advisory-Leistungen anzubieten, ist die Auswahl des Robo-Advisory-Unternehmens als treuhänderische Entscheidung anzusehen, bei der entsprechend dieselbe Umsicht, dieselbe Sorgfalt und dasselbe Geschick gefragt sind wie bei der Beurteilung jedes anderen Anlageprodukts/-managers. Studien von Cerulli Associates aus dem Jahr 2015 zufolge wird einem 27-Jährigen, der für sein Alter vorsorgen will, je nach Robo-Advisor eine Aktienquote zwischen 51% und 90% vorgeschlagen; es sind also nicht alle Unternehmen gleich. Die Anbieter müssen sicherstellen, dass die Lösung mit ihrer Anlagephilosophie übereinstimmt, sich auf solide Anlagekonzepte stützt und den Anlagezielen und -zwängen der Zielkundschaft entspricht.

Auswahl eines Robo-Advisors ist eine treuhänderische Entscheidung

Neben der üblichen Due Diligence für Anlageprodukte sollten die Vermögensverwalter auch eine operative Due Diligence durchführen, die unter anderem auf die Systeme, die Instrumente und die Cybersicherheitsmassnahmen abstellt. Die Managementstruktur eines Robo-Advisors ist besonders wichtig. So wurde z. B. Betterment vor kurzem in der Presse dafür gelobt, dass es den Handel zweieinhalb Stunden lang aussetzte, um die Anleger vor den kräftigen Marktausschlägen nach dem Brexit-Referendum am 23. Juni zu schützen. Die Anbieter müssen überlegen, ob derartige Massnahmen für ihre Geschäftsmodelle und Kunden angemessen sind.

Zuletzt muss insbesondere auch das Unternehmen selbst beurteilt werden. Zahlreiche Robo-Advisors sind eben Start-Up-Unternehmen, die noch selbst Kapital aufbringen müssen. Viele von ihnen wurden bereits aufgekauft, einige haben sich wieder zurückgezogen. Solche Entwicklungen lassen sich häufig nur schwer vorhersagen. Dennoch ist die Frage, ob das Robo-Advisor-Unternehmen überlebensfähig ist und wie es sich auf absehbare Zeit entwickeln könnte, von grosser Bedeutung.

Blick in die Zukunft
 

Robo-Advisors werden die Veränderungen in der Vermögensverwaltung deutlich beschleunigen

In den kommenden Jahren dürften Robo-Advisors deutlich wachsen, wenn neue und alte Anbieter die grössere Effizienz der Technologie nutzen und ihre Kundenbasis entsprechend ausweiten. Unseres Erachtens werden sich die Veränderungen in der Vermögensverwaltung durch Robo-Advisors deutlich beschleunigen. Daher sollten Vermögensverwalter jetzt überlegen, wie sich diese Technologie auf ihre langfristigen Wachstumschancen auswirken kann. Vermögensverwalter, die das Potenzial dieses technologischen Wandels begrüssen – ganz gleich, ob sie einen Robo-Advisor einrichten oder nicht – und ihre Kunden mit Hilfe einer strikten Due-Diligence-Praxis schützen, sind gut für die künftige Entwicklung positioniert.

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