Mercer | Trendwende im Schweizer Pensionskassenmarkt

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Pensionskassen

Trendwende im Schweizer Pensionskassenmarkt: Hat die Vollversicherung ausgedient?

02.07.2015

Im April ging ein Aufschrei durch den Schweizer Pensionskassenmarkt. Einer der Branchenleader hat angekündigt, dass er die überobligatorischen Rentenumwandlungssätze bis 2018 auf einen Wert von 5 Prozent herabsetzt. Mit dieser massiven Senkung soll die sogenannte Umverteilung (Verwendung von Anlageerträgen der aktiv Versicherten zur Stärkung der Reserven laufender Altersrenten) reduziert werden. Über eine halbe Milliarde Franken musste dieser eine Anbieter alleine 2014 dafür aufwenden. Geld, das eigentlich den Aktiven (arbeitstägige Versicherte) gehört. Hintergrund: In der Vergangenheit gesprochene Altersrenten haben typischerweise eine Zinserwartung von 3 Prozent (sogenannt technischer Zins) oder mehr hinterlegt. Erwirtschaftet die Pensionskasse nun lediglich einen Ertrag von 2,5 Prozent, fehlen auf den Rentenguthaben mindestens 0,5 Prozent Zins. Dieser Fehlbetrag wird dann von den Aktiven abgezweigt, um die Rentendeckung sicherzustellen. Das Absenken der Umwandlungssätze trägt dieser Problematik Rechnung, indem ein niedrigerer technischer Zins angenommen wird und verringert so die Umverteilung bei künftig gesprochenen Renten.

Herausforderung für alle Pensionskassen


Mit der Umverteilung müssen sich grundsätzlich alle Pensionskassen auseinandersetzen. Je nach Struktur des Versichertenbestandes (Verhältnis Rentner zu Aktiven), der Anlagestrategie (Ertragserwartung) und den angewandten Rentenumwandlungssätzen verändert sich der Umfang der Umverteilungsmechanismen. Von allen Sammelstiftungen (Stiftungen mit mehreren angeschlossenen Unternehmen) sind die Vollversicherungsanbieter besonders stark betroffen, d. h. Anbieter, welche das Anlagerisiko vollumfänglich selbst tragen und nicht an die angeschlossenen Betriebe transferieren (können). Sie müssen jederzeit einen Deckungsgrad von über 100 Prozent garantieren. Auch die Stiftung mit den vormals beschriebenen Umwandlungssatzsenkungen ist eine Vollversicherungsstiftung. Diese Stiftungsform ist nach wie vor die meistverbreitete Pensionskassenlösung bei den Schweizer KMUs (rund 1 Mio. Versicherte). Da auch weitere Vollversicherungsanbieter Umwandlungssatzsenkungen per 2016 angekündigt haben, ist ein Grossteil der Versicherten davon direkt oder indirekt betroffen. Die direkt Betroffenen stehen kurz vor der Rente. Ein reduzierter Umwandlungssatz bedeutet für sie in erster Linie eine geringere Rente und das lebenslang. Indirekt betroffen sind alle Versicherten über die gewährten Verzinsungen, die zukünftig durch die Umverteilung noch geringer ausfallen werden, als sie es aufgrund des schwierigen Marktumfeldes bereits sind. Vor diesem Hintergrund werden nicht nur die Umwandlungssätze stetig geringer, es gibt auch weniger Geld, das bei Erreichung des Pensionierungsalters in eine Rente umgerechnet werden kann. Speziell jüngere Mitarbeiter sind somit sogar doppelt gestraft.

Der Markt bietet Alternativen


Der Zinsertrag wird zu einem immer wichtigeren Faktor, der ausschlaggebend dafür ist, ob Mitarbeiter eine Vorsorgelösung als attraktiv empfinden oder nicht. Die Vollversicherer stecken dabei in einem Anlage-Dilemma. Da der Anbieter das volle Anlagerisiko trägt, legt er erfahrungsgemäss sehr defensiv an, typischerweise mit Aktienanteilen von deutlich unter 10 Prozent. Die aufsichtsrechtlichen Vorgaben machen es für Vollversicherungen aber nahezu unmöglich, mehr Risiko auf sich zu nehmen. Die dafür erforderlichen Sicherheiten in Form von gebundenem Kapital sind schlicht zu kostenintensiv. In der aktuell äusserst anspruchsvollen Finanz-und Kapitalmarktsituation gilt somit für die Vollversicherung: Eine defensive Anlagestrategie führt zu verhältnismässig geringen Anlageerträgen und schliesslich zu erwartenden Verzinsungen im Bereich des BVG-Minimumzinssatzes (aktuell noch 1,75 Prozent).

Müssen sich Mitarbeiter also längerfristig mit dem Mindestzinssatz zufrieden geben? Nein, denn der Sammelstiftungsmarkt bietet zahlreiche alternative Lösungen, sogenannte teilautonome Stiftungen, bei denen die angeschlossenen Unternehmen das Anlagerisiko tragen. Das Unternehmen selbst hat dabei – je nach Lösung – viel bis fast keinen Einfluss auf die Anlagestrategie der Stiftung. Der Deckungsgrad einer solchen Lösung kann unter 100 Prozent absinken, sollten nicht genügend Erträge erzielt werden, um die Verpflichtungen zu bedienen. Im Gegenzug kann eine deutlich adäquatere Anlagestrategie mit entsprechenden Aussichten auf höhere Rendite verfolgt werden. Gerade im derzeitigen Tiefzinsumfeld ergibt dies mehr Flexibilität bei den Anlagen, was sich positiv auf die Verzinsung auswirkt, die am Ende bei den Arbeitnehmern ankommt. Vergleiche zeigen, dass seit 2011 mit einer teilautonomen Lösung höhere Verzinsungen erreicht werden konnten als in der Vollversicherung. Nachdem zuletzt viele teilautonome Stiftungen Ihre Reserven ausreichend aufgebaut hatten, erhielten die Versicherten bis zu 2 Prozent mehr Zins. So lange die Tiefzinsphase anhält und die Aktienmärkte sich positiv entwickeln, wird es voraussichtlich so weitergehen.

Um ein ausgewogenes Bild einer teilautonomen Stiftung zeichnen zu können, bedarf es selbstverständlich auch einer Betrachtung der Risiken. Wie eingangs erwähnt, tragen die angeschlossenen Unternehmen das Risiko einer Unterdeckung. Für den Fall, dass die Stiftung in Unterdeckung fällt, hat der Stiftungsrat über Massnahmen zur Sanierung zu beschliessen. Diese Massnahmen können (im Extremfall) auch die Erhebung von Sanierungsbeiträgen umfassen, die typischerweise auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer überwälzt werden. Eine Analyse der letzten 15 Jahre zeigt aber, dass selbst nach Finanzkrisen kaum eine Sammelstiftung effektiv zum Mittel der Sanierungsbeiträge greifen musste. Tatsächlich gab es einige Stiftungen, die in Unterdeckung gerieten. Die meisten aber hatten in guten Jahren ausreichend Reserven aufgebaut, um auch mit weniger einschneidenden Massnahmen (z. B. Minderverzinsung) die Stiftung wieder auf Kurs zu bringen. Und auch wenn das Szenario der Sanierungsbeiträge eintreten sollte: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass den Mitarbeitern auch dann mehr Nettoertrag bleibt als in der bescheiden verzinsenden Vollversicherung.

Veränderte Ausgangslage führt zu Trendwende

Es zeichnet sich immer mehr eine Trendwende im Sammelstiftungsmarkt ab. Bis vor ein paar Jahren hielten sich Vollversicherung und teilautonome Stiftungen die Waage in Bezug auf die durchschnittliche Verzinsung. In guten Jahren hatten die teilautonomen Stiftungen die Nase vorn, in schlechteren Anlagejahren konnten die Vollversicherer wieder gleichziehen. Die Prämien für Risikoleistungen und Verwaltung waren vergleichbar. Je nach Verteilung der vorhandenen Sparguthaben auf Obligatorium und Überobligatorium waren die Unterschiede bei den Umwandlungssätzen vernachlässigbar. Natürlich haben sich in dieser Konstellation viele KMUs für die risikoarme Variante der Vollversicherung entschieden.

Doch jetzt ist die Ausgangslage eine andere: Anlagestrategien und Zinserwartungen sprechen klar für die teilautonome Lösung. Da mit einer risikolosen Anlage nur noch eine kleine Rendite erzielt werden kann, profitiert eine Anlagestrategie mit höherem Aktienanteil in guten Jahren überproportional. Die Umwandlungssätze werden bei den Vollversicherern zudem schneller und weiter sinken als im alternativen Modell (u. a. als indirekte Konsequenz der tieferen Renditeerwartungen). Dazu kommt, dass die Vollversicherer zur Deckung des Risikos vermehrt eine höhere Prämie verlangen als ein teilautonomer Vorsorgeträger.

Fazit: Regelmässige Lagebeurteilung führt zu individuellen Opportunitäten
 

Natürlich hat der individuelle Risikoappetit des einzelnen Unternehmens massgeblichen Einfluss darauf, ob das Management in den obenstehenden Überlegungen mehr Chance oder mehr Gefahr sieht. Die Vollversicherung hat nicht ausgedient. Nach wie vor sind Unternehmen, welche finanziell sehr wenig Handlungsspielraum haben, bei ihr am besten aufgehoben. Doch aufgrund der veränderten Marktsituation sind alle Unternehmen gut beraten, eine detaillierte Risiko-Rendite-Abwägung vorzunehmen. Die Zeiten sind vorbei, in denen das Thema Pensionskasse mit dem Abschluss eines Vertrages für 5 oder mehr Jahre beiseitegeschoben werden konnte. Aktives Management ist gefragt, um Chancen und Risiken zu erkennen und um fundierte Entscheide zu treffen. Möglicherweise bietet die teilautonome Lösung bereits heute eine interessante Variante, um den bestehenden Pensionskassenplan für den Arbeitnehmer ohne Mehrkosten zu verbessern? Denn eines ist klar: Nicht nur durch die Höhe der Spareinlagen entscheidet sich, ob eine Pensionskassenlösung im Marktvergleich attraktiv ist. Mehr denn je wird die zu erwartende Verzinsung auf diesen Einlagen zu einem zentralen Kriterium. Nur mit einer regelmässigen Beurteilung der Marktsituation können Unternehmen sicherstellen, dass sie den individuell richtigen Moment für einen Modellwechsel nicht verpassen und ihre Mitarbeiter rechtzeitig von den neuen Möglichkeiten profitieren.

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