Wir haben einen neuen Deal!

 

Spätestens Corona hat uns gezeigt, dass wir die grossen Herausforderungen unserer Zeit nicht mehr alleine lösen können – weder als einzelne Nation noch als einzelnes Unternehmen. Der Global Risk Report des World Economic Forum und Marsh McLennan zeigt, dass eine Pandemie nicht unser einziges Problem ist. Es gilt, drei globale Herausforderungen zu meistern: da sind zuerst der globale Klima-Wandel und Ressourcen-Verbrauch, dann die Verteilung des Wohlstandes und schliesslich die Gleichberechtigung von Frauen und Minderheiten.

 

Wir haben einen neuen Deal, den Klaus Schwab, 2019 in Davos als ‚Stakeholder Capitalism‘ bezeichnet hat. Er ist die einzig mögliche Antwort der Wirtschaft auf die grossen Probleme unserer Zeit und auf eine Revolution, die seit einigen Jahren an Fahrt gewinnt und nicht mehr zu stoppen ist.

 

Es ist eine Revolution von unten, die – ob als Reaktion oder aus eigener Einsicht – von den grossen globalen politischen Akteuren befeuert wird. Die Biden-Regierung hat in den ersten 100 Tagen eine 180-Grad Wende zum Kurs ihres Vorgängers vollzogen und ist dem Pariser Klima-Schutz-Abkommen wieder beigetreten. Im Schulterschluss mit China werden weitergehende Aktivitäten gefordert und gesetzlich auf den Weg gebracht. Da reiben sich die Europäer nur verwundert die Augen.

 

Investoren haben begonnen, auf diese Linie einzuschwenken. 2018 forderte der CEO von Blackrock in seinem jährlichen Brief an die Geschäftsführungen der beteiligten Unternehmen nachhaltige Aktivitäten und entsprechende Rechenschaft dazu ein. Ein Jahr später verständigten sich 200 der namhaftesten amerikanischen Unternehmen auf die Abkehr vom Shareholder Value. Sie definierten in einem ‚Statement of the Purpose of a Corporation‘, dass Unternehmen zum Wohl ihrer Mitarbeiter, der Umwelt und ihrer Lieferanten handeln müssen.

 

Nun sind derlei Verlautbarungen zuerst einmal eine Absichtserklärung und damit gute Publicity. Jenseits davon aber nehmen nachhaltige Anlagen einen immer grösseren Teil des weltweiten Investmentportfolios ein. Immer mehr Menschen wollen eine vernünftige Rendite und gleichzeitig Gutes tun mit ihrem Geld. Alternative Investments oder Impact Investments sind der Renner im globalen Anlagegeschäft. Fonds werden aufgelegt, die speziell in Unternehmen mit Lösungen zu Nachhaltigkeitsthemen investieren – bis hin zu Unternehmen, die sich explizit durch hohes Engagement auszeichnen, z. B. in Diversity & Inclusion. Mehrere Vermögensverwaltungen haben einen Termin benannt, ab dem ihr komplettes Investmentportfolio CO2-neutral sein wird. Der Zugang zu Finanzierung wird also in nicht allzu ferner Zukunft von der Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells abhängen. Auch der Mercer-Report «Trendsetters: Transformational Investment Practives of Advanced Investors» zeigt, wie Anleger weltweit – und auch in der Schweiz – systemischen Risiken mit transformativen Anlagestrategien begegnen.

 

Neben dem sich verändernden Anlage-Verhalten baut sich für Unternehmen der Druck an anderer Stelle auf. Seit Jahren wächst weltweit die Präferenz für Arbeitgeber mit ökologischer und sozialer Verantwortung – im besten Fall sogar einem klar definierten und der Gesellschaft verpflichtetem Purpose. Und so wird das öffentlich wirksame Bekenntnis zu Nachhaltigkeit zum Prüfstein aus der ganz subjektiven Perspektive junger, gut ausgebildeter Menschen bei der Wahl ihres Arbeitgebers. Abgestimmt wird mit den Füssen – in einer Zeit, in der der Fachkräftemangel durch die weltweite demografische Entwicklung grade erst an Fahrt gewinnt.

 

Was hier zusammenkommt ist eine Dynamik, der sich kein Unternehmen mehr entziehen kann. Der Druck von Konsumenten, Mitarbeitenden, Kapitalmärkten und der Gesetzgebung verstärkt sich gegenseitig und lässt keine Lücken. Der Wirtschaft im allgemeinen Verantwortung zukommen lassen zu wollen ist ebenso richtig wie abstrakt – jetzt geht es konkret um jedes einzelne Unternehmen. Wir haben einen neuen Deal – auch wenn das noch nicht überall angekommen ist.  

 

Der Deal ist nach aussen gerichtet eine Vereinbarung mit der Gesellschaft, seinen Beitrag zur Lösung der grossen Probleme unserer Zeit zu leisten. Er geht viel weiter als das, was wir seit einiger Zeit als Corporate Social Responsibility bezeichnen und in vielen Unternehmen zuerst eine Pflichtübung ist.

 

Er wird sich einerseits daran bemessen, auf wieviel Prozentpunkte (kurzfristigen) Profits ein Unternehmen bereit ist zu verzichten zugunsten von nachhaltiger Unternehmenstätigkeit. Nicht, dass wir uns falsch verstehen – Profit ist die Grundlage wirtschaftlichen Handelns - ohne kann kein Unternehmen existieren. Es ist eine Frage der Angemessenheit der Rendite in Kombination mit dem Umgang an Ressourcen und dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen.

 

Nach innen gerichtet wird er sich andererseits daran bemessen lassen müssen, inwieweit ein Unternehmen im Kern nachhaltig ist. Inwieweit Nachhaltigkeit ein Teil der Unternehmensidentität ist und sich im Selbstverständnis und im Verhalten seiner Mitarbeitenden widerspiegelt.

 

Gradmesser dafür ist der Umgang einer Organisation mit ihren Mitarbeitenden. Zunehmend setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Umgang mit der Ressource Mensch wesentlich für die Lösung unserer grossen Probleme ist. In gemeinsamer Verantwortung handeln beginnt bei den Menschen in unseren Unternehmen. Soziale Nachhaltigkeit ist eine Voraussetzung für ökologische Nachhaltigkeit. Konkret und knapp: ohne Geld und Arbeit kein ökologisches Verhalten.

 

Der neue Deal geht insofern tiefer als das, was wir noch vor 10 Jahren in Unternehmen an Umgang mit Mitarbeitenden gesehen haben. Zu den Grundbedürfnissen gehört die persönliche Unversehrtheit und ein abhängigkeitsfreies Beschäftigungsverhältnis. Was 2015 als ‚UK Modern Slavery Act‘ verabschiedet worden ist, nimmt Unternehmen für seine Lieferketten in die Verantwortung. Weiter gedacht muss ganz bewusst die Frage gestellt werden, wo neue Arbeitsplätze entstehen, wie fair Arbeit entlohnt wird und wie verantwortungsvoll mit dem Erhalt oder Abbau von Arbeitsplätzen umgegangen wird. Mächtige Instrumente auf dem Weg zu einer besseren Welt.

 

Die zu gewährleistenden Grundbedürfnisse von Mitarbeitenden schliessen die physische und psychische Unversehrtheit ein. Vergessen wir nicht, dass in weiten Teilen der Welt die medizinische Versorgung nur über den Arbeitgeber erfolgt. Und während mit Blick auf die Arbeitsplatzsicherheit immer mehr Gefahrenzonen selbst in entlegenen Winkeln der Welt entschärft werden, stehen wir mit psychischen Belastungen einer eher grösser als kleiner werdenden Herausforderung gegenüber.

 

Wenn wir den Anspruch eines nachhaltigen Umgangs mit der Ressource Mensch weiterdenken, sind wir als nächstes bei einer Vergütung der Arbeitsleistung, die ein sorgenfreies Auskommen über die Arbeitszeit hinaus auch im Ruhestand gewährleistet. Keine Selbstverständlichkeit für viele Menschen, aber eine Notwendigkeit mit Blick auf unsere globale Agenda.

 

Und wenn wir der Logik der menschlichen Bedürfnisse nach Maslow folgen, schliesst sich an der Spitze seiner Pyramide die Ebene der Selbst-Verwirklichung an. Die persönliche Entwicklung als Aufgabe eines Unternehmens mag übertrieben erscheinen, ist aber in Wahrheit ein Gewinn für beide – eine echte Win-Win Situation. Denn das, was wir heute als Unternehmenstransformation bezeichnen ist nichts anderes als die Entwicklung der Organisation, die nur gelingt, wenn sich die Menschen darin ebenfalls entwickeln. Unternehmensentwicklung für individuelle Entwicklung ist ein ganz entscheidender Teil des neuen Deals.

 

Das Fundament dieses Deals zwischen Unternehmen und Mitarbeitenden ist die Gleichbehandlung aller Beteiligten. Sicherheit, Gesundheit, faire Vergütung und Entwicklung ist unabhängig von Geschlecht, Ethnie, sexueller Orientierung oder Gesinnung. Eigentlich selbstverständlich – aber eben noch lange nicht überall angekommen.

 

Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass wir die grossen Probleme unserer Zeit nicht alleine lösen können. Sie hat uns aber auch gezeigt, dass wir sie gemeinsam lösen können, wenn wir in gemeinsamer Verantwortung handeln. Dazu braucht es neben der Erkenntnis die gegenseitige Verbindlichkeit und Konsequenz im Handeln. Wir haben ihn schon eine Weile, diesen neuen Deal – es wird Zeit, dass wir alle unseren Teil einlösen.

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